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1 die klassische Nationalökonomie

Der Begriff klassische Nationalökonomie lässt sich besonders einfach negativ, in der Abgrenzung zur Neoklassik, siehe vollkommener Markt, erklären. Das Gleichgewicht auf den Güter-, Kapital- und Arbeitsmärkten wird, zumindest im theoretischen Modell, siehe vollkommener Markt, präziser beschrieben.

Des weiteren erhält mit der Neoklassik die Mathematik Einzug in die Wirtschaftswissenschaften, was konkret bedeutet, das mit maximalen Aufwand ein minimales Ziel realisiert wird, was, ja, wie wir wissen, dem ökonomischen Prinzip widerspricht, denn dieses besagt das exakte Gegenteil, was ja auch sinnvoller ist.

Das ökonomische Prinzip besagt, dass ein gegebenes Ziel mit minimalen Mitteln erreicht werden soll (das ist zum Beispiel der Fall, wenn man die Mitbewohner dazu bringt, das Geschirr zu waschen) oder mit gegebenen Mitteln ein maximales Ziel (das maximale Besäufnis bei beschränktem Budget).

Die einzige Zunft, die das ökonomische Prinzip nicht anwendet, es aber mit Inbrunst verkündet, sind die Ökonomen. Insofern ähneln sie den Päpsten, die machen auch immer das exakte Gegenteil, von dem, was sie predigen.

Ökonomen basteln irgendwelche Grenzkostenkurven, Preis-Absatzfunktionen, Gewinnfunktionen und differenzieren und integrieren, dass sich die Balken biegen. Egal wie viele Milliarden an den Finanzmärkten verbrannt werden, allein seligmachend ist der Cournotsche Punkt.

Hat man den erstmal bestimmt, dann ist der Rest an Problemen nur noch ein Klacks, wobei es nicht reicht, ihn graphisch zu bestimmen. Er wird verbal beschrieben, mathematisch berechnet und graphisch dargestellt. Wer die Preisabsatzfunktion mit den Füßen malen kann und die Grenzkostenkurve gleichzeitig mit der Hand, der bekommt volle Punktzahl.

Es wird also mit maximalen Aufwand ein minimaler Erkenntniszuwachs erzielt.

Genau wie bei Wealth of Nations stellt sich natürlich auch hier wieder die Frage, nach der Kernaussage der einzelnen Autoren und genau wie bei Adam Smith, "schwankt das Charakterbild in der Geschichte", wie Schiller so schön formulierte.

Während der Marxismus bei Ricardo zum Beispiel die Weiterentwicklung der Arbeitswertheorie, im Vergleich zu Adam Smith, in den Vordergrund rückt, sehen heutige akademische Lehrbücher als wesentlichen Beitrag Ricardos die Theorie der komparativen Kosten.

Say hat Eingang in die akademischen Lehrbücher gefunden, weil er die Möglichkeit der Unterkonsumtion wegdiskutierte. Das Saysche Gesetz besagt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe. Da jeder nur soviel arbeite, wie er anschließend vorhat entweder zu konsumieren oder zu sparen und sparen über den Zins mit der Investition in Einklang gebracht wird, gibt es keine Unterkonsumtion. Wenn der Zins sinkt, wird weniger gespart und mehr konsumiert, umgekehrt wird mehr gespart und weniger investiert, wenn der Zins steigt.

Die klassische Nationalökonomie ist jetzt natürlich genau so eine Fiktion, wie es Epochenbildungen im Allgemeinen sind, denn im Grunde gibt es zwischen Autoren wie Adam Smith, David Ricardo, Jean Baptiste Say, David Hume, John Stuart Mill bedeutende Unterschiede. So bedeutend, dass eine Subsumierung eigentlich sinnlos ist.

Während mit David Ricardo eine Entwicklung einsetzt, die marktwirtschaftliche Elemente eliminiert und damit den Übergang zu Karl Marx und der Planwirtschaft einleitet, werden bei Jean Baptiste Say diese marktwirtschaftlichen Elemente in den Vordergrund gerückt.

Die Tatsache allein, dass die Klassische Nationalökonomie nicht "marginalistisch" argumentiert, kann eigentlich die Zusammenfassung zu einer Epoche nicht begründen. Man kann auch nicht sagen, dass jede Frucht, die rot ist, eine Erdbeere ist. Abgesehen davon impliziert die Vorstellung vom natürlichen Lohn und dem natürlichen Profit einen Ausgleich der Grenzerträge der Produktionsfaktoren. Im Grunde kennt also schon die Klassik eine Marginalbetrachtung, siehe optimale Faktorallokation und natürlicher Preis / Marktpreis.

Sucht man nach Gemeinsamkeiten der Autoren, die der klassischen Nationalökonomie zugerechnet werden, könnte man diese nennen.

  • Märkte bewegen sich hin zu einem Gleichgewicht
  • Es findet eine "Kapitalakkumulation" statt, wobei die Begriffe Sparen und Akkumulation fast identisch sind, die die Produktivität der Arbeit erhöht (hinsichtlich der Frage, wie diese Akkumulation stattfindet, sind die Aussagen aber höchst unterschiedlich)
  • Mit der These, dass Märkte zum Gleichgewicht tendieren, hängt die Annahme zusammen, dass staatliches Handeln nur zu Fehlallokationen führen kann (auch wenn nicht alle das expressis verbis sagen)
  • Handelsbeschränkungen werden grundsätzlich abgelehnt
  • Der Preis eines Produktes setzt sich zusammen aus Profit, Lohn und Bodenrente. Es gibt also nur die drei Produktionsfaktoren.
  • Der Staat wird prinzipiell kritisch gesehen. Am besten ist es, wenn er sich möglichst raushält.
  • Geld hat keine Funktion und ist lediglich ein Schleier (Geldschleiertheorie)
  • Bei allen Autoren der Klassik werden Geld und Kapital als Synonymen verwendet (teilweise in selben Abschnitt beide Begriffe)

Vergleicht man das wiederum mit der Neoklassik, könnte man, grob vereinfachend, folgende Unterschiede nennen. In der Klassik ist die Beschreibung von Marktgleichgewichten ein Punkt unter vielen. Abgestellt wird hierbei aber auf eine lange Sicht oder eine Tendenz zum Gleichgewicht.

Bei manchen Autoren der Neoklassik, insbesondere bei Vilfredo Pareto und Léon Walras ist aber die Beschreibung von Gleichgewichten das einzige Thema. Im Grunde ist die gesamte Neoklassik, die Grundlage der heutigen Mikroökonomie, eine reine Beschreibung von, je nach Autor, unterschiedlichen Gleichgewichten.

Hinzukommt, dass Léon Walras und Vilfredo Pareto von Tauschmärkten ausgehen, wodurch die Anpassung nur noch über den Preis, oder durch einen Tausch Menge gegen Menge, erfolgen kann, da die Menge sich auf einem reinen Tauschmarkt ja nicht ändert.


Damit ist aber auch klar, dass die Neoklassik kurze Zeiträume im Blick hat, also auf eine statische Wirtschaft abstellt, bei der sich die Präferenzen, Produktionsstrukturen etc. nicht ändern. Dies ist mit ein Grund für die mathematische Modellierung.

Dynamische Wirtschaften, wo alle Parameter sich ändern, und zwar sporadisch, lassen sich nicht mathematisch modellieren.

Es ist von daher kein Zufall, dass die mathematische Modellierung einhergeht mit einer drastischen Reduktion der Themen.

Staatliches Handeln gilt sowohl in der Klassik wie auch in der Neoklassik als unnötig, sogar schädlich. Das gleiche gilt für Handelsbeschränkungen. Die These, dass sich der Preis einer Ware aus Lohn, Profit und Rente zusammensetzt, wird in der Neoklassik aufgegeben, bei allen Autoren, und durch Kosten ersetzt.

Inwieweit die vielgepriesene Marginalanalyse tatsächlich ein Charakteristikum der Neoklassik ist, kann man bestreiten. Das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen kennt schon Say, siehe Saysches Gesetz, was man sofort sieht, wenn man sich das Kapitel mal im Original durchliest. Die Theorie der Bodenrente von Ricardo läuft im Grunde auf eine Grenzkostenanalyse hinaus. Die Bodenrente ist im Grunde eine Produzentenrente. Man kann höchstens sagen, dass die Neoklassik die Grenzkostenanalyse konsequent überall anwendet, wobei jedoch unklar ist, ob das einen erheblichen Erkenntniszuwachs bringt.

Die akademische Volkswirtschaftslehre hat nun den heroischen Entschluss gefasst, aus allen Theoriegebäuden mehr oder weniger eklektisch irgendwas herauszusuchen, was dann in jedem Lehrbuch steht, zum Beispiel die Theorie der komparativen Kosten von Ricardo und das Saysche Gesetz. Was also im Orginalwerk eine Nebenbemerkung war, kann in den akademischen Lehrbüchern durchaus zur Hauptthese eines Autors werden. Die Probleme bei diesem Verfahren sind nun mehrere.

Erstens, dieses Argument ist eher akademischer Natur, entspricht dieses Verfahren nicht gerade dem, was man intellektuelle Redlichkeit nennt. Zitiert man jemanden, dann sollte man ihn umfassend zitieren, das heißt das wiedergeben, was derjenige ursprünglich gesagt hat. Aber wie gesagt, es ist ein eher akademisches Argument, von daher geschenkt.

Zweitens ist dieses Verfahren auch verwirrend. Auf den Unterschied zwischen klassischer Nationalökonomie und neoklassischer Nationalökonomie wird oft verwiesen, durch die eklektische Darstellung bleibt aber dann unklar, worin dieser Unterschied überhaupt besteht.

Die neoklassische Theorie wird in allen Lehrbüchern der keynesschen Theorie gegenübergestellt. Warum nicht der klassischen? Ergäbe ein Vergleich mit der klassischen Theorie ganz andere Ergebnisse? Problematisch wird das insbesondere dann, wenn man Keynes auch noch vorwirft, zwischen der klassischen Nationalökonomie und der Neoklassik nicht zu trennen. Keynes hatte allerdings keinen Grund, zwischen klassischer Nationökonomie und Neoklassik zu trennen, weil die von ihm berichtigten Fehler, der gravierendste eben die Vorstellung über sparen, sowohl die klassische Nationalökonomie wie auch die Neoklassik betreffen.

Drittens führt der Eklektizismus auch zu Kampfbegriffen. Indem man bestimmte Theoriegebäude auf isolierte Elemente reduziert, wird aus Adam Smith dann auf einmal ein "Marktradikaler" und David Ricardo zum Rechtfertiger des "ehernen Lohngesetzes", welches besagt, dass sich der Lohn nie von dem lösen kann, was gerade noch ausreicht, das physische Existenzminimum zu garantieren.

Viertens, und das ist eigentlich der entscheidende Punkt, sind akademische Lehrbücher im Bereich Mikroökonomie einfacher zu verstehen, wenn man die Chronologie der Ereignisse im Blick hat. Die Originalwerke, de facto sind alle akademischen Lehrbücher im Bereich Mikroökonomie, die im Bachelor Studiengang zum Einsatz kommen, eklektisch zusammenkompilierte Zitate von Theoriegebäuden der Autoren der "klassischen Nationalökonomie" und "Neoklassik", sind jedoch differenzierter, klarer, vielschichtiger.

Was wir beweisen wollen, und das wird ein längerer Prozess, ist, dass sich über diesen Weg der Darstellung, also durch die Analyse der Originalwerke, Zeit sparen lässt. Was es Relevantes zu sagen gibt, lässt sich auch in zwei Semester sagen, der Rest ist vergeudete Zeit und würde besser in anderes investiert, siehe Änderung des Etiketts für den gleichen Inhalt.



Infos und Anmerkungen:


 

Probleme mit der Subsumierung höchst unterschiedlicher Theoriegebäude unter dieselbe Epoche




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